Es hat Tradition, dass in unserer Reformierten Kirche in Walchwil über die Weihnachtstage eine Laterne im Eingang hinter dem Fenster steht. Darin brennt eine Kerze mit dem Friedenslicht aus der Geburtskirche von Bethlehem.
Wie jedes Jahr wollte ich auch heuer das Friedenslicht abholen und in unsere Kirche bringen. Gestern war ich mit meinem E-Bike im Nachbardorf Arth, holte das Kerzenfeuer aus der dortigen Pfarrkirche St. Georg und Zeno und versuchte es vorsichtig in einem Grablicht mit einer aufgeschnittenen Petflasche als zusätzlichem Windschutz in meinem Velokorb zu transportieren. Das erste Mal verlöschte es, als ich das Grablichtlein draussen vor der Arther Pfarrkirche in den Petflaschen-Windschutz gleiten liess, ein zweites und auch ein drittes Mal, als ich mit dem Velo über eine Schwelle bzw. über eine unebene Stelle der Zugerstrasse Richtung Walchwil fuhr. Obwohl ich schon am Dorfausgang von Arth war, wendete ich und fuhr nochmals zur Kirche zurück, um das Feuer abermals zu holen.
Kurz vor Walchwil musste ich bei einem Blick zurück in meinen Velokorb feststellen, dass ich die Flamme schon wieder verloren hatte. Dieses Mal versuchte ich mein Glück mit dem Friedenslicht in der katholischen Kirche in Walchwil und war hocherfreut, dass im Zentrum des Kirchenraums ein Tisch mit einer grossen Laterne stand mit einem Schild «Friedenslicht von Bethlehem». Zum vierten Mal entzündete ich die Kerze und fuhr die letzten fünfhundert Meter schliesslich einhändig mit der Grabkerze in der Hand zu «meiner» Kirche.
Angekommen, stellte ich das Feuer im Eingang auf den Boden und holte meine Laterne. Als ich zurückkam, war das Kerzenlicht tot; ich glaube, es hatte Sauerstoffmangel im Gefäss.
Enttäuscht versorgte ich die Laterne wieder und dachte betrübt: Es hat halt nicht sollen sein….
Heute Morgen am ersten Weihnachtstag startete ich einen fünften Versuch, jetzt da ich wusste, dass das Friedenslicht eigentlich in der katholischen Kirche Walchwil ganz nahe war. Diesmal fuhr ich nun in Velo-Vollmontur mit Helm und Leuchtweste zur nahen Pfarrkirche. Dort probte schon der Kirchenchor mit dem Orchester die Musik für den Weihnachtsgottesdienst. Manch ein Sänger wunderte sich wohl, was dieser Leuchtkäfer mit der Kerze in der Hand wollte. Abermals gelang es mir, die brennende Kerze zur reformierten Kirche Walchwil zu transportieren. Diesmal wollte ich nicht wieder Sauerstoffmangel für das Erlöschen des Friedenslichts verantwortlich machen. Ich probierte den Metalldeckel, der durch die Flamme erhitzt war, mit einem Schraubenzieher vom Kerzengefäss zu heben. Dabei klappte der Deckel unerwartet − ihr ahnt es schon − in die Flamme und − ja, was wohl − löschte sie.

Jetzt könnt ihr euch denken, war mein Frust noch grösser, dennoch war nicht Zeit zum Aufgeben! Wir feierten einen wunderschönen Weihnachtsgottesdienst mit viel warmem Kerzenschein, nun halt leider nicht entzündet am Friedenslicht. Auf dem Nachhauseweg war ich überzeugt, auch bei mir zu Hause würde das Friedenslicht seine Wirkung nicht verfehlen, und ich wollte nicht aufgeben. Ich würde das Friedenslicht zwar nicht mehr in die reformierte Kirche bringen, vielmehr mit ihm den weiteren Weg von 7,5 km zu uns nach Hause nach Oberwil zurücklegen.
Ich versorgte die Petflasche besonders gut im Velokorb und fuhr unterwegs sachte über alle Schwellen und Unebenheiten. Unterwegs hielt ich mehrfach an, um zu kontrollieren, ob der Friede noch mit mir sei… Ja, ich hatte das Licht noch immer! Na, bis ich vor dem Haus das E-Bike abstellte und hocherfreut bzw. zutodebetrübt feststellte, dass auch der sechste Versuch Opfer meines Transportmittels bzw. der hartnäckigen kalten Bise geworden war.
Diese Geschichte ist natürlich keine Tragödie, sie hat mein ganz persönliches Happy End. Das Friedenslicht will verteilt werden von Mensch mit Herz zu Mensch mit Herz. Ja, und nun, da ich es euch sowieso nicht physisch vorbeibringen kann, verschicke ich es, wie man das heute so macht, per Klick in der digitalen Welt. Das ist viel, viel schneller und effizienter: Darin seid ihr mit mir einig? Und deshalb, wie versprochen, habe ich mein ganz persönliches Friedenslicht bei mir zu Hause mit dem guten alten Streichholz entzündet und schicke es dir in dein Herz! Frohe Weihnachten allerseits. Susanne Suter, Sigristin der reformierten Kirche in Walchwil, Weihnachten 2025